Die “Mitmach Experience” bei OER

Ein kurzes Gedankenexperiment zu OER und Lizenzen, es gilt wie immer xkcd 927:

https://xkcd.com/927/CC BY NC 2.5 (Nutzung im Rahmen eines privaten Blogbeitrags), Zusammenfassung: Jeder neue Standard wird ein weiterer Standard neben den bereits bestehenden Standards, auch wenn der neue Standard eigentlich der Super-Standard werden sollte

Die Einstiegsfrage:

Was wäre, wenn wir heute eine (oder mehrere) OER-Lizenzen gemeinsam gestalten könnten, basierend auf den bisherigen Bemühungen um OER im deutschsprachigen Raum?

Würden wir wieder bei Creative-Commons-ähnlichen Lizenzen landen?

Oder würden wir eher bei einer Lizenz landen, wie sie Pixabay für sich entworfen hat?

Die derzeitige Lizenzbeschreibung von Pixabay:

Screenshot vom 10.03.2021, Nutzung im Rahmen des Zitatrechts

(Natürlich noch etwas stärker angepasst für den Bildungsbereich. Wobei ich durchaus Potenzial sehe, dass Kreative/Creator von Inhalten und Bildungsakteure / OER-Ersteller:innen keine zwangsläufig getrennten Kategorien sein müssen)

[Randnotiz: Warum das Selbststricken von Lizenzen problematisch für den Aufbau von langfristig nutzbarem Wissensgemeingütern ist, erläutert irights und Nele Hirsch fragt hier, wie man damit produktiv umgehen könnte]

Was mich zum nächsten Punkt führt:

Die “Mitmach Experience”

Was ich zuletzt im Bereich Programmierung gelernt habe: Es gibt nicht mehr nur Diskussionen um die “User Experience”, also die Erfahrung der/die Endnutzerin einer Webseite oder App macht. Sondern auch die “Developer Experience” ist in das Zentrum gerückt, weil die Wartung und Weiterentwicklung von Webseiten und Apps ja auch den Menschen hinter den Kulissen Spaß und Freude machen soll.

Bezogen auf diesen “Experience”-Ansatz würde ich sagen: Die Pixabay-Lizenz ist für Veröffentlicher:innen von Inhalten (auf den ersten Blick) klar und daher bspw. CC-Lizenzen überlegen. Auch “missbräuchliche Nutzungen”, die potenziell im Kopf von Einsteiger:innen schwirren, werden klar benannt.

Ja gut, könnte man einwenden, CC-Lizenzen und/oder das (Urheber)recht allgemein bieten doch auch ähnliche Schutzfunktionen. Aufgeschlüsselt sind diese bspw. hier zu finden: Handreichung CC und Urheberpersönlichkeitsrecht.pdf (Wikimedia Deutschland). Die “Experience” beim Lesen von OER-Rechtstexten leidet jedoch (zwangsläufig).

Was mich persönlich interessiert an diesem Gedankenexperiment ist die “Lücke”, die ich zumindest für mich identifiziert habe. Grob gesagt gibt es drei Kategorien:

  1. “Sowieso gerade ein Bock auf OER”: Upload ins Netz, mit “Verbot” oder ohne Angabe, ob Nachnutzung gewünscht ist
  2. “Zwischenweltler:innen”: Menschen, die einer offeneren Nachnutzung zugeneigt sind, aber sich wegen Grund X noch nicht mit OER und CC-Lizenzen beschäftigt haben und ggf. auch sehr viele Spezialwünsche und ein ggf. starkes Kontrollbedürfnis haben
  3. “nOERds”: OER-Nutzer:innen und Ersteller:innen, die sich Basiswissen zu CC-Lizenzen angeeignet haben.

Als kurzer Vergleich ein Blick in die Software-Programmierung, der sicher an einigen Stellen hinkt [auch weil die Urheberrechtsfrage an Quelltext etwas anders zu bewerten ist]:

Menschen, die sich für Open Source interessieren, können sich auf einer Plattform wie Github.com ein Profil anlegen und direkt ihren ersten öffentlichen Quelltext in einem Projekt posten. Eine Lizenz muss nicht zwingend vergeben werden. Trotzdem gibt es (aus meiner Sicht) eine Art Agreement, dass Programmier:innen Quelltextschnipsel auch deswegen posten, sodass andere daraus lernen können oder sie sich eben kopieren und verändern. Wer ein in der Community angesehenes Projekt starten will und sich als Open Source bezeichnet, wird sich der Lizenzfrage früher oder später dann widmen (müssen).

Ich würde diese Einsteiger:innen, die neu auf der Plattform sind, mit der “Gruppe 2 Zwischenweltler:innen” vergleichen. “Nichts halbes, nichts ganzes”, aber trotzdem eine wichtige Zwischenstation auf dem Weg durch die Open Source Welt.

Ich würde behaupten: Die Mitmach-Experience bei OER ist – natürlich zum großen Teil primär durch das wenig zeitgemäße Urheberrecht in der EU – aber eben auch durch das Aufsetzen auf CC-Lizenzen mies. Ja, diese sind weltweit bereits verbreitet, was ein riesengroßes Potenzial ist und längerfristig nachhaltiger. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die CC-Lizenzen eben nicht explizit für den Bildungsbereich konzipiert wurden. Den Rucksack müssen sich alle Bemühungen aufsetzen und sich die Frage von Neulingen gefallen lassen “Jo, warum macht ihr euch das so kompliziert?”.

Desöfteren muss ich hier an die historische Entwicklung von Free Software vs. Open Source denken. Ich weiß viel zu wenig darüber, aber Open Source entstand laut Fat-Vortrag als eine Art “Re-Branding”, weil Free-Software als sehr idealistische Bewegung für die Unternehmswelt viel zu krass war (ab 11:40, Vorsicht: sehr verkürzte Wiedergabe):

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Eine Bewegung kann also durchaus in einen neuen Zustand überführt werden, der für bestimmte Gruppen/Akteure anschlussfähiger ist. Wer mal in OER-Projekten gearbeitet hat, wird jetzt vermutlich ebenfalls zwangsläufig an die Widerstände denken, die man bspw. insbesondere im Bereich Hochschule erfährt.

Was für mich persönlich derzeit bezeichnend ist [auch wenn ich mich unglaublich freue, dass es endlich ein Suchangebot wie Wir Lernen Online existiert mit engagiertem Team dahinter! :)], ist der Umstand, dass Wir Lernen Online auch nur auf einen einfachen OER-Umschalter setzt. Der Grund ist (soweit ich es mitbekommen habe), dass Menschen aus dem Bildungsbereich nicht direkt mit den verschiedenen CC-Lizenzen verwirrt werden sollen.

Screenshot Wir Lernen Online, 10.03.2021, Nutzung im Rahmen des Zitatrechts

Die (tolle) Suchplattform search.creativecommons.org nutzt eine Art Doppelfilter, der die Mitmach-Experience für Einsteiger:innen vermutlich aber auch nur bedingt verbessert. Für nOERds ist es allerdings großartig, wenn man bspw. explizit ein CC0-Werk erstellen will und dafür gemeinfreie Inhalte sucht:

Screenshot Search Creative Commons, 10.03.2021, Nutzung im Rahmen des Zitatrechts

Inhalte unter CC BY-ShareAlike nutzen einem halt wenig, wenn man ein CC0-Werk erstellen möchte. Daher ist der OER-Umschalter bei Wir Lernen Online für mich selbst als Ersteller halt kein Gewinn.

Womit ich, nach einigen thematischen Umwegen, wieder am Anfang angelangt bin:

Auf Pixabay gibt es nur eine Lizenz.

Eine zentrale Frage aus meiner Sicht, die sich aus diesen Überlegungen ableitet:

Was kann man “OER-Zwischenweltler:innen” im deutschsprachigen Raum anbieten, sodass sich die “Mitmach Experience” steigert? Was wäre ein denkbares Re-Branding für OER?

Die Lösung muss keine neue OER-Lizenz sein, sondern es könnten auch ganz andere Ideen sein, die die “Mitmach Experience” verbessern könnten. Es könnten (oder ja, es müssten) Ideen sein, die speziell auf den Bildungsbereich zugeschnitten sind.

Randnotiz: Spontan fiel mir hier gerade übrigens das Beispiel NDLA ein, welches von Frank J. Müller ausführlich untersucht wurde und welches an sich zur sofortigen Nachahmung in Deutschland (oder Österreich oder Schweiz) bereitstehen würde. Jemand™ müsste es halt nur mal machen.

Zuletzt noch der Hinweis auf den aktuellen Meinungsbeitrag von Jöran, den ich in diesem Zusammenhang für sehr wichtig halte: “Qualität ist nicht alles. Wann hohe Anforderungen an OER kontraproduktiv werden“.

Kommentare sind gern gesehen.

PS: Anlass zum Beitrag waren übrigens ein Impuls von Benedikt, zwei Twitter-Threads sowie eine darauf folgende Ermunterung von Oliver [BldgAltEntf] zum Verbloggen:

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Update Jörans aktuelle Folien “Zur Professionalisierung von OER” behandeln die Thematik ebenfalls:

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4 Comments

Moin!

Viel genickt, an einigen Stellen ein paar Gedanken dazu:

Die „Experience“ beim Lesen von OER-Rechtstexten leidet jedoch (zwangsläufig).

Was ist da bei Pixabay besser als etwa bei den CC-Lizenzen? Zusätzlich zu der Übersichtsseite mit den einfachen Erläuterungen gibt es (natürlich) auch den darunter liegenden Lizenztext: https://pixabay.com/de/service/terms/#license

Was mich persönlich interessiert an diesem Gedankenexperiment ist die „Lücke“, die ich zumindest für mich identifiziert habe. Grob gesagt gibt es drei Kategorien:

Ist das nicht schlicht die normale Adopterkurve, bei der man sich weder um die Totalverweigerer noch um die Fans kümmern sollte?

Ich würde behaupten: Die Mitmach-Experience bei OER ist – natürlich zum großen Teil primär durch das wenig zeitgemäße Urheberrecht in der EU – aber eben auch durch das Aufsetzen auf CC-Lizenzen mies.

Soweit ich das überblicke, waren CC-Lizenzen auch nicht als der goldene Wurf gedacht, sondern bloß als Krücke, um überhaupt irgendwie arbeiten zu können.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die CC-Lizenzen eben nicht explizit für den Bildungsbereich konzipiert wurden.

Hier ist IMHO der Butter-bei-die-Fische-Teil: Was konkret am Bildungsbereich siehst du denn als besonders an, dass es ggf. eine eigene Lizenz bräuchte?

„Jo, warum macht ihr euch das so kompliziert?“
Ja, das frage ich mich auch. Verzichtet einfach mal auf euer Ego und nutzt konsumierend wie produzierend CC0 und gut 😛 Jaaaaa, aber was ist mit X? Und mit Y? Und schon machst du die Kompromisstür auf und verstrickst dich in endlosen Diskussionen – aber auch das ist bloß (m)eine Meinung.

Die Lösung muss keine neue OER-Lizenz sein
Daumen nach oben schraub!!!

Hey Oliver,

besten Dank für deinen Kommentar! *daumenhoch*

Nur schnell gebrainstormed zur “Butter bei die Fische”-Frage, die du ja rausgestellt hast:

Ich könnte mir halt vorstellen, dass eine von (deutschsprachigen) pädagogischen Communities erarbeitete Beschreibung der Nachnutzungsfreiheiten (sowie den Pflichten) anschlussfähiger sein könnte. Vielleicht ein bisschen vergleichbar mit “Code of Conducts”?

Wenn ich so an das denke, was ich desöfteren zu OER-Bedenken/Fragen gehört habe:

– freie Nachnutzung, egal ob Klassenraum, Privathochschule, YouTube-Bildungskanal oder bezahlter eLearning-Kurs auf Udemy, etc.
– respektvoller Umgang zwischen den Autor:innen und Nachnutzer:innen
– keine Verunglimpfungen der abgebildeten Personen
– Veränderungen an Daten/Fakten/Zahlenmaterial werden mit kleinem Hinweis (Vorlage: ” … “) gekennzeichnet
– „Quelle: Mustermensch 2019, Link“ oder “Quelle: Link” ist wünschenswert und reicht aus (angelehnt an wissenschaftliche Zitierregeln), rechtliche Konsequenzen gibt es bei Vergessen der Quellenangabe nicht
– Nutzung durch politische Parteien nur auf Anfrage
– Nutzung durch Großunternehmen/Verlage nur auf Anfrage
– keine Nutzungserlaubnis für Hetze, Hass, etc.
– …

Was mir dabei halt auffällt, dass ich da zwischen CC0 und CC BY lande, wenn man nur auf aktuelle OER-Lizenzen schaut. Einige Punkte werden natürlich schon von CC BY erfüllt, sind aber vermutlich wenig bekannt.

(Dass das alles juristisch vermutlich wieder eine Mammutaufgabe wäre, ist mir klar. Hatte damals auch kurz etwas zu den Militär-Auschlussklausel-Versuchen bei Open Source gelesen – it’s complicated. Siehe https://www.golem.de/news/open-source-lizenzen-gegen-den-missbrauch-freier-software-1509-116210-2.html)

Also vielleicht könnte man™ auch eher in Richtung “Code of Conduct” oder so schauen. Oder baut so etwas wie eine “Prä-OER”-Konstrukt, wo man Inhalte erstmal nur unter obigen Bedingungen mit der pädagogischen Community teilt, ohne das Ziel “Goldstandard-OER” aus den Augen zu verlieren. Also ein “OER-Preprint” quasi?

VG

Moin!

Ich glaube, da ist vieles von sowieso in Gesetzen geregelt (Verunglimpfung, Hetze), und ich wüsste wirklich nicht, warum man damit Lizenzen noch aufblähen sollte. Kennzeichnung von Änderungen und Link zur Quelle hat auch CC BY drin. Und respektvoller Umgang muss echt nicht noch ein ein Gesetz gegossen werden 🙂 Aber, Menschen …

Zwei Punkte sehe ich da noch:
1) Nutzung durch politische Parteien nur auf Anfrage
Ja, in der Politik sind natürlich alle korrupt, und nachher benutzt noch eine Partei, die ich nicht mag, MEEEEINE Grafik auf einem Wahlplaket!1!! Ja, Ogottogott. Das war jetzt zwar nicht sehr sensibel oder respektvoll von mir, aber echt jetzt? Dann will ich noch eine Ausnahme für Homöopath:innen. Und Schwurbler:innen. Und … Kann man nicht einfach mal eine einfache Lösung wählen, sein Ego hinten anstellen und einfach damit leben, wenn mal etwas nicht ganz so läuft, wie man sich das vorstellt – dafür aber in 827.212.332 anderen Fällen anderen das Leben einfacher gemacht hat?

2) Nutzung durch Großunternehmen/Verlage nur auf Anfrage
Dieses pauschale Bashing von Großunternehmen/Verlagen geht mir zunehmend auf den Zeiger. Ich kenne wohl die Gedanken dahinter, aber kann solchen Ausnahmeregeln, die wieder zu diffusen und willkürlichen Grenzen oder Definitonen führen, echt nichts abgewinnen. Was ist denn ein Großunternehmen? Ab wann sind die “böse” genug für ein Verbot? Ist beispielsweise ZLL21 auch als Verlag gemeint? Oder wäre der wieder eine Ausnahme von der Ausnahme? Ist das alles jetzt nicht schon kompliziert genug?

Falls das so ankommt: Das geht natürlich nicht gehen dich! Diese Diskussion ist aber kein Thema für mich. Diplomatisch bin ich nicht versiert genug, um da nicht ständig Leuten auf die Füße zu treten oder dem Wahnsinn zu verfallen. Und missionieren will ich auch niemanden. Ich haue einfach weiterhin schonmal meinen Kram als CC0 raus, ganz ohne Sorgen darum, wer nun womöglich in 0,0000123 % der Fälle auch noch etwas davon haben könnte, den ich nicht mag – oder gar Geld damit über einen Weg verdient, für den ich selbst zu blöd bin.

Hey,

danke für die Antwort, Oliver! Ich fühl mich da eh nicht angegriffen, ein Teil meiner Überlegungen kommt ja primär aus den Erfahrungen mit anderen Leuten. 😉

Mit “Schönheit des offenen Teilens” habe ich ja z.B. versucht, eine Begründung für CC0/Public Domain für mich selbst zu finden. https://www.youtube.com/watch?v=ZHcV27nwlw8 (ebenso wie du ja im Kommentar deine Begründungen formuliert hast)

Sagen wir es vielleicht so: Aktuell kann ich beide Argumentationslinien gut verstehen und würde die “Unkompliziertheit” auch ggf. für etwas “opfern”, was dem Kontrollbedürfnis und somit dem Wohlfühlfaktor beim Freigeben von Bildungsakteur:innen mehr entgegenkommt. Auch weil ich es inzwischen vielleicht ein Stück weit realistischer finde, diesen Weg zu gehen als den “harten” Lernprozess zur CC0-Freigabe. Also eher einen pragmatischen Weg, der dann natürlich die von dir skizzierten Nachteile beinhaltet.

Denk- und Meinungsprozess noch nicht abgeschlossen. 🙂

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