ETFs und Klimakrise – Teil 3: Wächst die Weltwirtschaft trotz Klimakrise?

Diese Artikel-Reihe ist mein erster Versuch, mich laienhaft an das Thema „Exchange Traded Funds (ETFs) und Auswirkungen der Klimakrise“ heranzutasten. Ich hatte hierzu zu erst im reddit-Subforum r/Finanzen nachgefragt. Die Reaktionen habe ich hier im Beitrag versucht zusammenzufassen, Hinweise und Erwiderungen sind sehr gerne gesehen!

Bisherige Beiträge dieser Reihe

  1. ETFs und Klimakrise – Teil 1: Was sind ETFs?
  2. ETFs und Klimakrise – Teil 2: Wie läuft ein Kauf ab? (In Arbeit)
  3. ETFs und Klimakrise – Teil 3: Wächst die Wirtschaft trotz Klimakrise?

Disclaimer I: Diese Beitrag stellt keine Anlageberatung oder Handlungsempfehlung dar. Ich bin privater Laie. Beim Investieren ergeben sich Risiken. Bitte achte immer auf den Notgroschen!

Disclaimer II: Es geht in diesem Beitrag nicht um (angeblich) grüne ETFs.

Inhalt

Wetten auf das weltweite Wirtschaftswachstum

Im ersten Beitrag dieser Reihe wurden ETFs kurz beschrieben sowie das 70/30-Weltportfolio herangezogen als Beispiel.
Verkürzt gesagt investiert man beim 70/30-Portfolio in die Hoffnung, dass die weltweite Wirtschaft in den nächsten 10 bis 30 Jahren weiter wächst und Gewinne erwirtschaftet. Man investiert breitgestreut in die größten börsengehandelten Unternehmen und Industrieländer (MSCI World = 70%-Anteil) sowie der Schwellenländer (Emerging Markets = 30%-Anteil).

Die Kurskurven sollen natürlich möglichst hoch ansteigen, nachdem man selbst Anteile erwirbt. Zum Stand des Schreibens dieses Artikels wäre ein Kauf beispielsweise für 64,85 € je Anteil möglich beim iShares Core MSCI World (ISIN: IE00B4L5Y983):

Screenshot finanzfluss informer, iShares Core MSCI World (ISIN: IE00B4L5Y983); Screenshot nicht unter freier Lizenz

Dies hat in der Vergangenheit auch eindrücklich gut funktioniert für die Anleger:innen:

Screenshot finanzfluss informer – iShares Core MSCI World; Screenshot nicht unter freier Lizenz

Mit dem ishares (Blackrock) ETF-Sparplanrechner kann man sich die zukünftige Entwicklung seines Investments simulieren lassen. Basierend auf der bisherigen „annualisierten Rendite der letzten 20 Jahre (1.2.2002 – 31.1.2022)“ von 6,52% sieht dies wie folgt aus für den MSCI World:

Screenshot Simulation ishares (Blackrock) ETF-Sparplanrechner, Screenshot nicht unter freier Lizenz

Das was man monatlich einzahlt, bekommt man verdoppelt zurück nach 20 Jahren in diesem Beispiel:

Screenshot Simulation ishares (Blackrock) ETF-Sparplanrechner, Screenshot nicht unter freier Lizenz

ETFs in Krisenzeiten

Kurzzeitige Krisen einfach aushalten?

Wer allerdings erst im August 2021 auf die Idee kam, sich mit ETFs zu beschäftigen, der hat aktuell diese Statistik vor Augen:

Screenshot finanzfluss informer, iShares Core MSCI World (ISIN: IE00B4L5Y983); Screenshot nicht unter freier Lizenz
Screenshot finanzfluss informer, iShares Core MSCI World (ISIN: IE00B4L5Y983); Screenshot nicht unter freier Lizenz

Nach der Corona-Krise sank der Kurs stark, stieg dann wieder. Wäre man im August 2021 mit 72,87 € je Anteil eingestiegen, hätte man derzeit noch Verlust gemacht (bei einem jetzigen Kurs von 68,85 €, Stand: 26.12.2022).

Einer der Gründe für fallende Kurse ist – logischerweise – die Kopplung an den Index:

ETFs bilden eins zu eins die Wertentwicklung von Börsenindizes nach. Wenn – wie nun schon seit Monaten – der Deutsche Aktienindex (Dax) und andere Indizes fallen, verlieren also auch die daran gekoppelten ETFs an Wert. Demgegenüber besteht bei anderen Fonds die Möglichkeit, dass das Fondsmanagement durch die gezielte Auswahl einzelner Aktien Verluste lindert oder sogar ausgleicht.

Allerdings herrscht in der Finanzwissenschaft weitgehend Einigkeit, dass dieses Gegensteuern nur wenigen Fondsmanagern gelingt – und dann in der Regel nur für einen überschaubaren Zeitraum. „Durch Aktienselektion eine bessere Performance zu erzielen, gelingt den aktiven Fondsmanagern im Schnitt nicht“, fasst Olaf Stotz, Professor an der Frankfurt School of Finance, die Ergebnisse zahlreicher Studien zusammen.“

Das Ende des ETF-Booms. Barbara Schäder – Stuttgarter Nachrichten, 24.08.2022

Auf justETF findet sich derweil eine interessante Grafik, welche die Aussage stützt, dass sich der MSCI World Index nach (kurzzeitigen) Krisen bisher immer wieder erholt hat. Beispielhaft werden die bisherigen Krisen zeitlich mit dem Verlauf des MSCI-World-Index aufbereitet:

Screenshot JustETF Academy (nicht unter freier Lizenz)

justETF widmet sich auch generell der Frage „So übersteht Ihr ETF-Portfolio die Krise“ [1]. Oft las ich zudem von Investment-Tipps wie „Ruhe bewahren“ und „Krisen aushalten“.

Also einfach die kurze Krise aushalten und die Kurse der Indizes steigen wieder, somit auch meine ETF-Anteile? Der Blogbeitrag könnte an dieser Stelle enden wäre da nicht…

Die Klimakrise als eine Krise unter vielen?

Mich hat all dies als Neueinsteiger im Thema ziemlich stutzig gemacht. In den Büchern und Vorträgen zur Klimakrise ist eigentlich eher die Rede von einer „nie dagewesenen Dauerkrise“ statt einer „kurzzeitigen Krise“? [2]

Wie passt das zusammen?

Beim Thema Investieren lese ich zudem oft, dass niemand eine magische Glaskugel hat, um die Entwicklung der Kapitalmärkte vorherzusagen. Alle Prognosen sind also mit Vorsicht zu genießen.

Bei der Klimakrise ist es aus meiner persönlichen Sicht etwas „einfacher“. Hier liegen viele wissenschaftliche Prognosen vor. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre kann man eindeutig messen. [3].
Zusammenfassend betrachtet sieht es ziemlich herausfordernd aus in Zukunft (je nachdem was die nächsten Jahre noch passiert im Kampf dagegen, in welcher Region man wie wohlhabend lebt, etc.):

Quelle: https://www.moment.at/story/klimakrise-so-heiss-koennte-es-deinem-leben-noch-werden (nicht unter freier Lizenz)
Quelle: https://www.moment.at/story/klimakrise-so-heiss-koennte-es-deinem-leben-noch-werden (nicht unter freier Lizenz)

Die bedeutsamen Fragen beantwortete der langjährige Klimaforscher Stefan Rahmstorf zuletzt so:

Den aktuellen Stand der Erhitzung stellen u.a. klimadashboard.at oder Spiegel Online in Daten-Dashboards dar:

Aktueller Stand der globalen Erhitzung, Quelle: https://klimadashboard.at/ (Screenshot nicht unter freier Lizenz)
Screenshot Spiegel Online – Klimakrise, Screenshot nicht unter freier Lizenz

Helfen nun also historische Vergleiche mit vorherigen Index-Kursen wirklich weiter? Bin ich zu pessimistisch oder sind andere zu optimistisch – oder irgendetwas dazwischen?

Nachfrage im r/Finanzen-Forum

Als ETF-Neuling dachte ich mir daher, dass ich ggf. im aktiven deutschsprachigen reddit-Forum r/Finanzen eine Antwort erhalte. Hier investieren bereits viele Personen längere Jahre in ETFs.

Aus dieser Idee entstand schlussendlich der Post „Klimakrise und jetzt mit ETFs anfangen: Mit welcher Begründung?“:

Hi zusammen,

beschäftigte mich erst seit ca. einem Jahr mit ETFs für private Vorsorge/Inflationsausgleich und lese hier interessiert mit bisher. Habe aktuell ca. 1’000€ probeweise in ETFs investiert und überlege gerade, den Einsatz zu erhöhen bzw. mit Sparplänen regelmäßig zu starten. Mit Klimakrise beschäftige ich mich schon länger privat.

In ETF-Ratgeberartikeln lese ich immer wieder, dass die bisherige Rendite (im Durchschnitt) von MSCI World und Emerging Markets ein Erfolgsmodell waren. Außerdem ist historisch betrachtet die Weltwirtschaft immer weiter gewachsen, Bevölkerungswachstum kommt hinzu, technologischer Fortschritt, etc. Außerdem waren Krisen oft nur kurzzeitige Ereignisse, die man aushalten/abwarten muss (https://www.justetf.com/de/academy/crisis.html).

Zudem lese ich natürlich oft, dass beim Investieren niemand eine magische Glaskugel hat, um die Kapitalmärkte vorherzusagen.

Bei der Klimakrise ist es aus meiner Sicht „einfacher“, hier liegen viele wissenschaftliche Prognosen vor. Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre kann man eindeutig messen:

Ernst gemeinte Frage, die mich aktuell beschäftigt:

Wie begründet ihr ein Investment in ETFs für die nächsten 20-30 Jahre im Kontext einer ’neuen/veränderten Klimakrise-Welt‘?

Vielen Dank im Voraus!
VG

Womit ich nicht gerechnet hatte: Es folgten ganze 117 Antworten, 61k Views und eine vielfältige Diskussion. (Vielen Dank an dieser Stelle an alle, die sich konstruktiv beteiligt haben sowie an die r/Finanzen-Moderator:innen!)

Zusammenfassung der Reaktionen

Wie fasst man die Bandbreite der Reaktionen nun zusammen? Ich versuche es hier mit einer ersten Kurzzusammenfassung.

Firmen braucht es auch in der Krise

Der Kommentar mit den meisten Upvotes war dieser hier:

Wir brauchen die Firmen ja auch in einer Krise.

Ein Szenario in dem keine Firma mehr Geld verdient, zieht der Nachbar dir ohne Betäubung den Zahn und anschließend gehst du in deine Lehmhütte, um den Fisch aus dem nahegelegenen Fluss zu verspeisen.

Dann hast du tatsächlich alles richtig gemacht, wenn du heute alles für den Konsum verballerst.

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0p3f17/

An der Investmenthypothese ändert sich nichts

Als Neu-Einsteiger für mich ins Thema war besonders der Begriff „Investmenthypothese“ spannend. Diese ist ja entscheidend dafür, ob ich persönlich in ein Finanzprodukt investiere oder nicht. Aus Investment-Sicht muss ich mir also wohl die Frage stellen: „Wie schätze ich die (Auswirkungen der) Klimakrise ein bzgl. Finanzprodukt X, Y, Z?“.

„[…]

Was die Modelle die wir haben sagen ist nicht toll: Der Klimawandel ist eine böse negative Externalität. Aber sie ist auch nicht die Apokalypse:

[…]

Heißt, selbst die pessimistischen Szenarien zu aktuell plausiblen Zukünften prognositizieren einen fortlaufenden Anstieg des globalen Wohlstands, Rückgang von Armut etc. – im Schnitt. Der Klimawandel wirkt wie eine angezogene Handbremse auf die menschliche Entwicklung, bring sie aber nicht zum erlahmen. „Im Schnitt“ heißt aber auch, dass es manche Regionen schwerer treffen wird als andere. In manchen Teilen der Welt wird Adoption kaum möglich sein und wir müssen mit schlimmen lokalen Konsequenzen rechnen. Andere Teile der Welt, insbesondere der sich rapide entwickelnden Schwellenländer, werden weiter wachsen.

Aber auch das sind alles nur Prognosen. Nichts ist absolut sicher. Wir wissen nicht, wie die Zukunft aussieht.

Vergleichsweise sicher ist aber, dass es eine Zukunft geben wird. Und so lange es eine Zukunft gibt, gibt es eine Wirtschaft, die die Menschen in dieser Zukunft bedient. Selbst stringentere Klimaschutz-Regularien werden dem nichts antun. In der westlichen Welt sind GDP-Wachstum und Emissionen schon seit fast 20 Jahren entkoppelt. Heißt unser Wohlstand wächst, während unsere Emissionen sinken – selbst justiert für Outsourcing. Eine optimistische Zukunft ist also nicht nur möglich, sie ist in vielen Regionen und Sektoren schon fast Realität. Diese Regionen und Sektoren, sowie die sich auf absehbare Zeit im Wachstum befindlichen, stellen schon jetzt die absolute Mehrheit aller in gängigen ETFs abgebildeten Werte.“

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0phnjd/

Spannend waren hierzu die Erwiderungen:

„Die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Emissionen sind schön und gut, wir brauchen aber eine absolute Entkopplung vom Ressourcenverbrauch und das ist leider unmöglich.“

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0qv2n5/

„Der Weltklimabericht basiert auf Konsens und ist daher eine optimistisch gefärbter Blick auf die Zukunft.“

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0q3keu/

Zwei weitere Kommentare gingen ebenfalls in die Richtung, ob es denn eine bessere Hypothese zum Investieren derzeit gibt:

Ich bin – scheinbar im Gegensatz zur Mehrheit hier – absolut deiner Meinung, dass man darüber nachdenke sollte. Mein Blickwinkel:

Einen World-ETF kaufst du ja u.a. aus dem Blickwinkel einer Art maximalen Diversifizierung. Dagegen spricht auch angesichts der Klimakrise noch nichts. Die Frage ist, ob es eine bessere Option gibt? Sobald du dich für einen ETF zu XYZ entscheidest, wettest du darauf, dass XYZ sich im Kontext der Klimakrise besser entwickelt als der weltweite Durchschnitt.

Hast du eine Idee, für welches XYZ das zutreffen wird?

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0pap8c/

Ich sehe nicht inwiefern ’neuen/veränderten Klimakrise-Welt‘ etwas an den Annahmen hinter der „einfach World ETF“ Investment-Strategie ändert.

Degrowth im Sinne einer schrumpfenden Weltwirtschaft ist nicht die Lösung für die Klimakrise. Was wir schaffen müssen ist weniger Ressourcen zu verbrauchen aber das bedeutet nicht dass die Wirtschaft schrumpft.

Die praktische Frage aus Individuum ist ja ob ich was sinnvolles mit meinem Geld machen könnte. In Sachen Investment sehe ich das aber nix. SRI/ESG nicht. Cash im Kopfkissen nicht. Gold auch nicht. Bleibt noch die Frage ob ich vielleicht gar nicht investieren sollte. Rausballern macht Sinn falls man glaubt morgen geht die Welt unter aber das tu ich nicht. Spenden bleibt eine valide Option insbesondere für den Klimaschutz da es hier unser Thema ist. Mach ich und empfehle ich hiermit weiter. Hat aber nichts mit Investment-Strategie zu tun.

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0pxpe3/

Die (negativen) Folgen sind schon eingepreist

Eine faszinierende Frage war, ob die Negativfolgen der Klimakrise bereits in Geschäftsmodelle eingerechnet worden sind:

Ich versteh noch nicht den Zusammenhang zwischen „Klimawandel ist real und birgt hohe Risiken“ und „Investition in den Kapitalmarkt ist keine gute Idee“. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Ein Schuh wird doch erst draus, wenn man argumentieren kann, dass es bessere Alternativen gibt.

Solange unser Wirtschaftssystem sich nicht grundlegend verändert, werden Unternehmen gewinnorientiert arbeiten und man kann über ETF an den Gewinnen beteiligen, ohne sich Unternehmensspezifischen Risiken auszusetzen. Und die Informationseffizienz des Aktienmarktes führt immer dazu, dass sich diese Investition lohnt, oder zumindest die Beste Vorhersage dafür darstellt.

Ein Argument könnte natürlich sein, dass der Klimawandel als Problem fundamental falsch eingeschätzt wird und nicht in den Kursen eingepreist ist. Das fände ich jedoch eine sehr gewagte These bei einem so gut beleuchteten Thema.

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0p3o86/

Auch hier gab es spannende Erwiderungen:

Naja, man könnte argumentieren, dass der Kapitalmarkt aktuell überbewertet ist, bald einbrechen wird und mehrere Jahrzehnte lang sich nicht mehr erholen kann. Das hat es ja auch schon gegeben. Der Nikkei hat es in den letzten 30 Jahren nicht geschafft wieder das ATH zu erreichen. Und das trotz mehreren Bullruns.

Im Thread tun alle so, als wäre bei jahrzehntelanger Stagnation gleich der Weltuntergang und man müsse sich um die eigenen Finanzen keine Sorgen machen. Das ist natürlich Unfug. Die Weltwirtschaft kann auch ohne Totalkollaps sehr lange stagnieren oder sogar ein bisschen schrumpfen.

Eine Alternative wäre die Sparrate relativ gering zu halten und dafür die Lebensqualität in den jungen Jahren zu maximieren.

Ein Argument könnte natürlich sein, dass der Klimawandel als Problem fundamental falsch eingeschätzt wird und nicht in den Kursen eingepreist ist. Das fände ich jedoch eine sehr gewagte These bei einem so gut beleuchteten Thema.

Dass alles richtig eingepreist ist, geht in die Richtung Efficient market hypothesis und ist schon fast Wirtschaftsreligion als Empirismus.

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0pkq9n/

Auch an anderer Stelle gab es die Referenz zu der Frage, ob die Auswirkungen der Klimakrise bereits überall verstanden und miteinbezogen werden:

Ich würde das aus einem anderen Blickwinkel sehen: Generell will ich mein Geld in einen World-ETF stecken, um mich wenig zu kümmern und langfristig zumindest nichts falsch zu machen. Bei jeder anderen spezielleren Auswahl bilde ich mir ein, einen objektiven Wissensvorsprung zu haben und daher gegen „den Markt“ wetten zu können.

Ein wichtiger Punkt ist, sich klar zu machen, dass die Idee einen Wissensvorsprung zu haben, quasi immer eine Illusion ist. Die Klimakrise könnte eine Ausnahme sein: Deine und diverse andere Antworten hier zeigen, wie wenig der aktuelle Stand der Wissenschaft verstanden und die Implikationen realisiert wurden.

Investitionen an die wissenschaftlich prognostizierten Folgen der Klimakrise anzupassen, könnte eine sehr gute Wette sein.

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0pa7w2/

Die Transformationsforscherin Maja Göpel hatte hierzu 2019 zur Irreversibilität der Kipppunkte sowie zum World Economic Forum gesagt:

Update 15.01.2023: ‚Spannend‘ ist an dieser Stelle natürlich die aktuelle Debatte um interne Exxon Studien, die schon in den 70er Jahren sehr genau prognostizierten, dass das „unbegrenzte Verbrennen fossiler Energien zu einer massiven Erderwärmung mit drastischen Konsequenzen für das Leben auf der Erde führt“.
https://www.tagesschau.de/wissen/klima/exxon-klima-folgen-studie-101.html

Führt die Klimakrise zu schrumpfender Wirtschaft?

Eine berechtigte Frage war natürlich, ob es überhaupt einen Konsens gibt bzgl. der wirtschaftlichen Entwicklung und Klimakrise-Auswirkungen:

„Gibt es denn schon einen Konsens dass der Klimawandel zu schrumpfender Weltwirtschaft führt? Und zwar der Klimawandel und nicht die ganzen Kielwassersurfer Themen die mit dem Klimawandel verbunden oder vemischt werden

Ich sehe aktuell nur Potential für Wachstum. […]“

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0pf3dt/

„Bisher hat die „Klimakrise“ die Wirtschaft ja wenig gejuckt. Wir werden +3 Grad erreichen, die Menschen werden sich anpassen (stabilere Häuser) und die Wirtschaft vielleicht sogar zusätzlich ankurbeln? Es werden auch viele Leute leiden, juckt die Wirtschaft aber nicht.“

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0p8ha9/

Die Party geht noch 2-3 Jahrzehnte weiter?

„Wir sind komplett gef[*]ckt. Du hast die Fakten ja selbst dargelegt. Selber Kinder kriegen kommt für mich absolut nicht in Frage.

Aber deswegen werden wir trotzdem niemals unsere wirtschaftlichen Systeme ändern, dafür haben diejenigen, die vom Status quo profitieren viel zu viel Macht. Insofern wird die „Party“ noch 2-3 Jahrzehnte weitergehen.“

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0quu0f/

Zwischen totaler Apokalypse und naiv-froher Hoffnung?

Spannend wird es auch an dem Punkt, wo Worst-Case-Szenarien, Technologie-Hoffnungen und der Wunsch nach Planbarkeit, Perspektive und einem guten Leben zusammentreffen:

In meinen Augen gibt es für die Zukunft genau 2 Szenarien:

Entweder geht es mehr oder minder so weiter wie bis her. Es gibt neue Technologien (Kernfusion, Geoengineering, …), die das Kippen des Klimas verhindern.

Andere Option ist, dass alles vor die Hunde geht und wir in Anarchie verfallen.

Option 1 ist in meinen Augen wahrscheinlicher. Wer wirklich glaubt, dass es mit dem Leben nicht mehr weiter geht, sollte sich einen Bunker bauen

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0pvl6j/

Mit einem World ETF investierst du in die Weltwirtschaft. Wenn die über Jahrzehnte stagniert oder sogar schrumpft sind meine Investments mein letztes Problem.

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0p5i9j/

Auch wenn wir +3 Grad erreichen, dann geht die Welt nicht unter. (klar es wird beschissener für alle)

Mit der gleichen Argumentation sollte man auch sofort aufhören für die eigene Rente zu sparen.

Oder gar Kinder zu bekommen.

Am besten wir hören mit allen Planungen die länger als 10 Jahre dauern auf, bringt ja eh nichts wenn die Welt in 20 Jahren untergeht.

https://www.reddit.com/r/Finanzen/comments/zov9xq/comment/j0p96ns/

Jonas Schaible hatte kürzlich auf Twitter herausgestellt, dass Debatten oft „irgendwo zwischen düster-dystopisch-zynischer Beschwörung der totalen Apokalypse oder naiv-frohgemuter Hoffnung“ verlaufen. „Beides ist unrealistisch, beides hilft nicht“.

Er schrieb zur Planbarkeit, dass diese eine Zukunftszuversicht voraussetzt.

Fazit?

Bisher habe ich noch mehr Fragen als Antworten.

Wie schaut ein klimaneutrales Wirtschaftssystem aus?

Aus der Meta-Perspektive zeigte sich für mich, dass auch im Thread die Frage „Green Growth, Degrowth – oder wie schaut überhaupt ein klimaneutrales und sozial gerechtes Wirtschaftssystem aus? “ in den Fokus rückt. Auch wenn diese Begriffe nicht explizit genannt wurden.

„Viele Klimaaktivisten spüren, dass der Abschied vom Kapitalismus schwierig wird. Greta Thunberg wurde kürzlich von einem Anhänger gefragt, wie denn das künftige System aussehen soll. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie. „Es wurde bisher noch nicht erfunden.“ Um sich dieses „grüne Schrumpfen“ vorzustellen, hilft es, vom Ende her zu denken.“

Kapitalismus und Klimaschutz: Schrumpfen statt Wachsen. (Ulrike Herrmann/taz, via Mastodon)

Kürzlich gab es zu dieser Thematik eine Panel-Diskussion:

Reality-Check für das eigene Weltbild?

Faszinierend fand ich, dass man bei der Frage „Investiere ich jetzt in ETFs?“ sehr konkret seine eigene Zukunfts-Einschätzung abklopfen muss. Ein echter Reality-Check. Auch in Bezug darauf, wie man das Management-Verhalten der aktuell führenden Unternehmen einschätzt, wie man selbst zum Wirtschaftssystem, zum Sozialstaat, zur Politik und zur gesellschaftlichen Zukunft steht und diese einschätzt.

Unweigerlich geht es hier natürlich auch – bewusst oder unbewusst – um Gefühle. Ann-Kristin Tlusty zuletzt eindrücklich der Frage gewidmet, warum sie persönlich die Klimakrise im Alltag kalt lässt. [5, leider Paywall].

„Einmal habe ich den ernsthaften Versuch unternommen, mich länger als für die Dauer eines Zeitungsartikels damit zu befassen, was die Klimakrise für die Welt, die Zukunft, für mich bedeutet. Ein Freund hatte mir das Buch Deutschland 2050 empfohlen, in dem die Journalisten Nick Reimer und Toralf Staud skizzieren, wie die klimatische Erwärmung der kommenden drei Jahrzehnte das Leben hier vor Ort verändern wird. Ich las es so, wie ich auch andere Bücher lese, unterstrich Passagen und setzte kleine Ausrufezeichen neben die besonders wichtigen. Ich versuchte, intellektuelle Distanz zu wahren. Nach 50 Seiten ging es mir so schlecht, dass ich das Buch beiseitelegte. Eine Weile noch lag es auf meinem Nachttisch, dann stellte ich es ins Regal. 

Da steht es nun, hin und wieder bleibt mein Blick am Buchrücken hängen. Dass ich es nie wieder aufgeschlagen habe, ist Ausdruck eines Privilegs: Ich kann die Klimakrise verdrängen, weil sie mich nicht akut bedroht. Noch nicht.

Im Jahr 2050 werde ich 56 Jahre alt sein. Auf den ersten Seiten von Deutschland 2050 habe ich gelernt, dass es dann kein Bundesland geben wird, in dem nicht Dürre, Wassermangel oder Extremtemperaturen herrschen. Sturmfluten an der Küste, Starkregen überall. Lasse ich diese Gedanken zu, überkommen mich durchaus apokalyptische Gefühle. Im Alltag verstecke ich die meist in einem Witz: Kinderkriegen, haha, die Welt wird doch eh untergehen. Rente, haha, bis dahin ist doch eh alles verloren. Hinter diesem Zynismus ist nur Leere. Wenn ich ehrlich bin, kann ich mir die Zukunft schlicht nicht vorstellen.“

Ann-Kristin Tlusty – Die Welt geht unter, aber ich fühl’s nicht

Ich persönlich hoffe sehr, das so wenig Menschen wie nur möglich einen Komplett-Kollaps (und somit kriegsähnliche) Zustände in Zukunft erleben müssen. Gleichzeitig zeigen schon heute die Tode an Europas Außengrenzen [5], welche schwerwiegenden Folgen bspw. die Unbewohnbarkeit von Landstrichen haben könnte.

Klimagerechtigkeit ist eins der wichtigsten Zukunftsthemen – und schon jetzt sind die Folgen der Erderhitzung todbringend [6]. Zu den guten Nachrichten aus 2022 zählt natürlich, dass auf der Weltklimakonferenz in Ägypten sich die Staaten auf einen „Loss and Damage Fond“ geeinigt haben, der vulnerablen/“ärmeren“ Ländern bei Katastrophen helfen soll. [7]

Soweit die globale Perspektive.

Eine (vorläufige) Investment-Hypothese?

Was bedeutet all dies auf der individuellen Ebene des Investierens (und der individuellen Altersvorsorge)? Aus den bisherigen Antworten gesehen würde eine Hypothese für den Einstieg in ETFs wohl ungefähr wie folgt lauten – wenn man apokalyptische Szenarien ausklammert:

  1. Die Weltwirtschaft wird (trotz Klimakrise-Veränderungen) in den nächsten Jahrzehnten wachsen
  2. die Big Player wie Apple und Microsoft werden weiter Wege finden, Gewinne zu erwirtschaften und die Rendite der ETFs wird im Durchschnitt weiter mittelfristig positiv bleiben
  3. die Herausforderungen der Klimakrise haben die Unternehmen zusätzlich schon auf dem Schirm, d.h. eingepreist in ihre Geschäftsmodelle
  4. Außerdem gibt es zu ETFs (Indexfonds) derzeit keine echten Alternativen, Einzel-Aktien, Immobilien & Co sind deutlich risikobehafteter
  5. Es gibt weiteren Szenarien wie längere Stagnation, Börsencrash oder den Komplett-Kollaps von Staaten/Gesellschaften. Beim Komplett-Kollaps ist allerdings auch Girokonto-Geld, Tagesgeld, Sparbuch, etc. nichts mehr wert = man hat andere Probleme.

Bezogen auf die Modelle der Klimaforschung wäre eventuell auch eine Betrachtung der Investmenthypothese je Erderhitzungs-Szenario ggf. erkenntnisreich, zwischen einer +1,5 Grad und einer +3 Grad Welt gibt es ja massive Unterschiede (Meine Vermutung wäre, dass solche Betrachtungen eventuell schon in den Wirtschaftswissenschaften existieren?).

Abschließend möchte ich noch anmerken, dass ich bei den Finanz-Kanälen wie Madame Moneypenny, Finanzfluss & Co kein explizites Video zu „Klimakrise und ETFs“ oder „Klimawandel und ETFs“ gefunden habe? Vielleicht habe ich diese aber auch nur übersehen? (Schätze diese Kanäle ansonsten sehr, da sie Finanzbildung frei zugänglich machen = Empowerment).

Weitere Quellen-Hinweise (und Einschätzungen) sind sehr gerne gesehen!


Klimaangst“? Du hast starke negative Gefühle, Angst, o.ä. in Bezug auf die Klimakrise? Die Psychologists for Future haben hierzu Tipps und Ratschläge: Wie geht man mit „Klimaangst“ um?. Kürzlich erschien auch das Buch Klimagefühle von Lea Dohm und Mareike Schulze. Dieses ist auch als Hörbuch auf Spotify verfügbar.

Ohnmacht? Im Podcast Hotel Matze erschien zudem die Folge „Wie bekämpft man die Ohnmacht? – Luisa Neubauer (2022)“.

Sozialer Disclaimer: Mir ist bewusst, dass es sich beim Thema Investieren um ein privilegiertes Thema handelt. Gleichzeitig ist die Klimakrise ebenso eine enorme Einkommens- , Vermögens- und Gerechtigkeitsfrage.


Reaktionen auf den Artikel

  • Ein Freund empfahl mir den Dokumentarfilm Oeconomia (2020, ZDF Mediathek). Zukünftig wäre für mich persönlich hier ein Blick in die Wirtschaftswissenschaften vermutlich lohnenswert.
  • 02.01.2023 – Ich habe im Finanzfluss-Discord mal ebenfalls nachgefragt, wie dort die Einschätzungen sind.

Das Beitragsbild ist eine Collage aus einem eigenen Foto und einem Bild von Alana Jordan auf Pixabay. Der Artikeltext kann gerne frei weiterverwendet werden als CC0-Werk. Eingebettete Medien und Grafiken sind davon ausgeschlossen und wurden im Rahmen des Zitatrechts benutzt.

Zuletzt aktualisiert: 15.03.2023

Schreibe einen Kommentar