Monatsnotiz – Dezember 2022

Das neue Jahr wurde in Wien an der Alten Donau mit dem Sprung bzw. dem Gang ins kalte Wasser begrüßt (von mir nur zuschauend ;-))

Zeit, auf den Dezember zurückzublicken.

Mit dem Format Monatsnotiz möchte ich ab und an Inhalte bündeln, die ich bzgl. diversen Themen stetig dazulerne. Primär im Fokus steht hierbei die Klimakrise. Inspiriert ist das Format von anderen Monatsnotiz-Blogger:innen

Inhalt

Mit welcher Haltung gehen wir dieses Jahrzehnt an?

Am Anfang des Jahres stellt sich die übliche Frage: Was möchte ich im neuen Jahr anders machen? Was möchten wir im neuen Jahr anders machen?

Luisa Neubauer erzählte kürzlich von einer ähnlichen Frage, die sie sich selber stellt: „Mit welcher Haltung gehen wir dieses Jahrzehnt an?“ (ab Minute 46:42):

Ich fand besonders diesen obigen Abschnitt ab Minute 46:42 sehr beeindruckend. Hängen geblieben ist bei mir auch, dass die Bewegung für eine klimaneutrale Welt im besten Fall die ‚bessere Party‘ sein müsse:

„In diesem ganzen Krisenkomplex, der sich vor uns aufbaut, in diesem Jahrzehnt alleine, müssen wir ja einen Modus finden, damit umzugehen und gleichzeitig anhaltend und in hohem Tempo für einen Wandel zu kämpfen. Und das ist gar nicht leicht. […] Rein existenziell betrachtet ist es ein ganz schön großer Job, sich darin zu verorten. […]

Wie kümmere ich mich um mich selbst, wie schaffe ich es auch in ganz ganz großen Krisen […] eine Art von Lebensfreude, Lebensbejahung beizubehalten? Denn das ist so entscheidend für das, was danach kommen kann. Und das gilt auch für uns als Bewegung. Wir müssen doch der Ort sein, wo Menschen eine gute Zeit haben. Wir müssen die bessere Party sein, im besten Falle. Und das heißt aber auch, da muss eine Kraft herkommen. […] Das ist der Moment, wo wir dann Goodbye zum Zynismus sagen. […] Gerade die Naiven, die Lebensliebenden, die brauchen wir mehr denn je.“

Hotel Matze – Luisa Neubauer (2022) – Wie bekämpft man die eigene Ohnmacht? (ab Minute 46:42)

Die ganze Folge findet sich hier:

https://mitvergnuegen.com/hotelmatze/luisa-neubauer-2022/

Am Ende der aktuellen Podcast-Episode beschrieb Matze Hielscher die Klimaaktivistin Luisa Neubauer als „unglaublich gute Kommunikatorin“. Für mich persönlich ist sie tatsächlich eine der Medienpersönlichkeiten, die den aktuellen Zeitgeist ungeschönt, ehrlich, aber ebenso mit Mitgefühl und Kampfgeist wiedergibt. Eine Perspektive, welche mir sonst sehr oft fehlt. Oft höre ich zwischen den Zeilen eine Argumentation wie „Das wird schon irgendwie gut gehen, aber wie genau weiß ich auch nicht.“.

Jonas Schaible beschrieb das kürzlich sehr treffend mit „naiv-frohgemuter Hoffnung darauf, dass schon alles gut wird“:

Widerspruch zwischen „Business as usual“ und „Act now!“

Ich arbeite nun seit über zwei Jahren als Programmierer bei einer Web-Agentur, die zu einem nachhaltig-fokussierten Unternehmen gehört. Die ‚Accountability‘ für die Behauptung „grün und nachhaltig“ zu sein wird bspw. durch das Erstellen einer Gemeinwohlökonomie-Bilanz und Zertifizierungen gewährleistet. In Bezug auf das Programmieren integriert die Agentur bspw. Prinzipien wie Sustainable Web Design (und digitale Barrierefreiheit).

Es ist Glückssache und zugleich Privileg, so etwas wie einen Green Job / Good Job zu ergattern (je nach Definition).

Die Wiener Stadtwerke warben in letzter Zeit großflächig mit Stellenangeboten für Klimapioner*innen. Ich fand es großartig, diese Plakate in der Stadt oder auf LinkedIn zu sehen. Klimakrise-Bekämpfung als Erwerbsarbeit. Eine weitere Form, dem Wahnsinn der Erderhitzung persönlich etwas entgegenzusetzen. Die ausgeschriebenen Stellen sind zugleich natürlich primär nur für spezialisierte (technische) Berufsgruppen zugänglich.

Screenshot wienerstadtwerke.at/karriere, nicht unter freier Lizenz

Ich persönlich habe mich damals sehr gefreut, nun einer Erwerbsarbeit nachzugehen, bei welcher ich nicht für Öl-Konzerne oder ähnlichen Unternehmen Web-Applikationen erstelle(n muss). Und es zudem einen stärkeren Fokus auf Nachhaltigkeit geben würde.

Zugleich bemerke ich jedoch sehr stark in meinem persönlichen Arbeitsalltag, wie wenig Platz und Priorität für die ganzheitliche Betrachtung (und Bekämpfung) der Klimakrise bleibt.


Choosing our degrees
von Slane Cartoons Limited, CC BY-SA 4.0
https://www.slanecartoon.com/-/galleries/climate-quest-cartoons. Bildausschnitt verändert.

Wie werde ich, wie werden wir auf die Zeit zwischen 2020 und 2030 später zurückblicken?

Persönlich sehe ich ein großes Potenzial darin, dass Thema der Klimagefühle in den Arbeitsalltag zu integrieren. Ich wäre zudem interessiert dran zu wissen, ob/wie nachhaltig aufgestellte Unternehmen wie Vaude, Patagonia, etc. dies angehen. Die Klimakrise ist ein riesengroßes „party pooper“-Thema, mit dessen Auseinandersetzung die meisten vermutlich derzeit eher noch im Privaten beginnen (und sich potenziell dann etwas alleingelassen damit fühlen).

Weiterhin kam mir spontan wieder die Erinnerung an die 20% side project time, die Unternehmen wie Google damals ihren Angestellten einräumten. Wie wäre es, 20% climate crisis project time einzuräumen?

Die Klimakrise ist – nach meinem bisherigen Verständnis – eine Entwicklung, die jetzt bekämpft werden muss. Es ist kein Thema, welchem man sich noch in 10 Jahren oder in der Pension/Rente widmen kann, wenn alle anderen Alltagsgeschäfte abgearbeitet sind.

Genau diese Dringlichkeit geht im Alltagsgeschäft – zumindest meiner Erfahrung nach – immer wieder verloren. Erklärungen hierfür finden sich in der Psychologie:

Der Klimawandel wird also verdrängt?

Van Bronswijk: Unser Gehirn kann solch komplexe Probleme wie dieses kaum verarbeiten. Wenn wir uns dann als vernunftbegabte Wesen mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen beschäftigen und erkennen, wie groß die Klimakrise wirklich ist, wie existenziell bedrohlich und welchen Anteil wir persönlich daran auch haben, dann kommen unangenehme Gefühle hoch: Wut, Angst, Trauer, Hilflosigkeit, Ohnmacht. Um gesund oder einfach handlungsfähig zu bleiben im Alltag, werden solche unangenehmen Gefühl abgewehrt beziehungsweise verdrängt. Dem eigentlich notwendigen Handeln in Bezug auf den Klimaschutz steht das aber im Weg.

Ärzteblatt – Interview mit Katharina van Bronswijk, Sprecherin der Bewegung „Psychologists/Psychotherapist for Future“ (2019)

Wie sich Mitarbeitende konkret einbringen, dafür könnte das Climate Action Venn Diagramm eventuell eine Basis liefern:

Climate Action Venn Diagram, Quelle: https://www.ayanaelizabeth.com/climatevenn (Nicht unter freier Lizenz)

Aus meiner Sicht beschreibt ‚Crunch Time‘ zusammenfassend die derzeitige Phase sehr gut:

Phase am Ende eines Spiels, die entscheidend für den Ausgang ist.

https://de.wiktionary.org/wiki/Crunchtime

Symbolisch dargestellt wird die „crunch time“ hier sehr gut am steigenden Thermometer im oberen Bildbereich:

Choosing our degrees von Slane Cartoons Limited, CC BY-SA 4.0
https://www.slanecartoon.com/-/galleries/climate-quest-cartoons

Siehe auch die eindrücklichen Grafiken auf https://www.moment.at/story/klimakrise-so-heiss-koennte-es-deinem-leben-noch-werden sowie die aktuellen Einschätzungen von Klimaforscher:innen:

Schutz oder Schein

Klimaforscherinnen kritisieren derweil den ‚Scheinklimaschutz‘ immer wieder, für den sich Akteure aus Politik und Wirtschaft öffentlich feiern lassen (wollen).

Die wachsende Herausforderung der nächsten Jahre wird es wohl sein, immer wieder zu unterscheiden zwischen echten Erfolgen / echten Good News und Scheinklimaschutz.

EU-Abgeordneter Micha Bloss schrieb bspw. auf LinkedIn:

„Über zwei Jahre haben mein Team und ich den Neustart des EU-Emissionshandels vorbereitet, verhandelt und am Ende im Endspurt gegenüber dem EU-Rat verteidigt. Herausgekommen ist eine Reform, die sich sehen lassen kann.

Größter Erfolg: Laut dem Direktor des PIK – Potsdam Institute for Climate Impact Research ist der Kohleausstieg vor 2030 damit höchstwahrscheinlich besiegelt. Das war immer unser Ziel, die Kohle aus dem Markt zu drängen, den Erneuerbaren das Feld zu überlassen.

Unsere Industrie braucht die saubere Energie für den grünen Stahl oder Wasserstoff, für die E-Mobilität und unsere Häuser. Gleichzeitig haben wir den bis dahin größten Topf für die Modernisierung der Industrie auf den Tisch gelegt und zum allerersten Mal überhaupt einen Klimasozialfonds, damit Europas Bürger:innen an der Klimawende beteiligt und nicht ausgeschlossen werden. Letzteres reicht noch nicht abschließend, aber es ist ein erster guter und wichtiger Schritt!

Danke für Euren Support. Die Reise geht jetzt weiter, das Pariser Klimaabkommen ist noch nicht erreicht. Hier müssen wir ansetzen.

Michael Bloss (LinkedIn), eigene Hervorhebung

Clean Creatives – keine Auftragsarbeit für die Ölindustrie

Gerade im Bereich Marketing und Agentur-Welt besteht natürlich die Gefahr, dass Greenwashing mit Scheinklimaschutz Hand in Hand geht.

Insofern ist es erfreulich zu sehen, wie sich bspw. in der Initiative „Clean Creatives“ Agenturen und Freelancer:innen zusammenschließen, um keine Aufträge aus „der Fossilwirtschaft“ mehr anzunehmen:

As creatives or leaders of agencies, the pledge says that you will decline future contracts with the fossil fuel industry.

cleancreatives.org

Mit BCorp gibt es ein weiteres Movement für nachhaltiges Wirtschaften.

ETFs als konkretes Praxis-Beispiel für das eigene Bild der Zukunft?

Es ist ein beliebter Gag, dass sich das Kümmern um die Altersvorsorge sowieso nicht mehr lohnt wenn die Welt auf ein Mad-Max-Szenario zusteuert.

Gleichzeitig rufen Finanz-Kanäle wie Madame Moneypenny, Hermoney oder Finanzfluss dazu auf, sich lieber heute als morgen (endlich) um die eigenen Finanzen und Vorsorge zu kümmern. (Insbesondere wegen dem Empowerment-Aspekt und dem Kampf gegen Altersarmut – die vor allem leider sehr stark Frauen betrifft – sind leicht zugängliche Finanzbildungs-Infos eine super Sache wie ich finde.)

Oft landet man derzeit bei der Empfehlung, in ein 70/30-Weltportfolio mit ETFs zu investieren, weil Sparbücher keine Rendite mehr bringen. Doch wie geht das mit der Klimakrise zusammen, wenn sich die Rahmenbedingungen verschlechtern?

Ich habe mich mal laienhaft auf die Suche nach Antworten gemacht:

>> ETFs und Klimakrise – Teil 3: Wächst die Weltwirtschaft trotz Klimakrise?

Hinweise und Erwiderungen sind gerne gesehen!

Kinder in die Welt setzen weniger klimaschädlich als angenommen (?)

Laut einer Analyse von Shannon Osaka haben sich Forscher:innen derweil noch einmal Studien dazu angeschaut, welche Auswirkungen das Zeugen und Aufziehen von Kindern in Bezug auf die Erderhitzung hat. Die derzeitige Studienlage ist derzeit wohl so etwas wie ein „it depends“. Aber die gute Nachricht: Eine bisher oft zitierte Studie aus 2009 hatte eine umstrittene Berechnungsgrundlage mit einer Art „Generationenschuld“ an CO2-Emissionen und somit war der CO2-Fußabdruck eines Kindes an erster Stelle mit einem sehr hohen Impact-Wert. Neuere Studien haben eine andere Berechnungsgrundlagen gewählt und kommen zu einem gemäßigteren Ergebnis:

Quelle: „Should you not have kids because of climate change? It’s complicated. Analysis by Shannon Osaka“ (Washington Post), Screenshot nicht unter freier Lizenz

Die obige Berechnung hängt natürlich direkt davon ab, ob die Klimaziele der US-Regierung umgesetzt werden. In Bezug auf den eigenen Nachwuchs stellt sich die Frage nach der Zukunft natürlich nochmal viel deutlicher als beim obigen ETF-Beispiel, da man ja noch weiter in die Zukunft prognostizieren muss:

„Such concerns have no easy answer. Many people, perhaps, would choose not to have children if they knew with certainty that extinction-level warming were right around the corner. On the flip side, more people might choose to have children if they knew with certainty that countries would rally to end greenhouse gas emissions and create a more sustainable society. The in-between is where it gets difficult. Should you still have kids if they will grow up with smoke-filled summers and steadily rising sea-levels? Should you have kids if the developed, Western world will suffer minimal losses but developing countries will suffer hugely?

Hausfather, the climate scientist, argues that climate is more of a threat multiplier — something that will make political and economic upheaval much more likely. “It’s up to us to decide if it’s going to be an apocalyptic hellscape,” he said. “And it depends on a lot of factors beyond just climate change.”

Thorndike, who has gone back and forth for many years about whether or not to have children, says that she now has a lot of humility about the decision. “My perspective has changed so many times over the last 20 years,” she said. “It’s a decision that no one can make for another person. And I allow myself the space for that uncertainty.““

„Should you not have kids because of climate change? It’s complicated. Analysis by Shannon Osaka“ (Washington Post)

Auf der Watch/Read-List

Weiterhin oben im Lese-Stapel:

https://www.droemer-knaur.de/buch/lea-dohm-mareike-schulze-klimagefuehle-9783426286159

Der Sozipod-Podcaster Patrick Breitenbach hat ein weiteres Format, in dem es deep dives zu verschiedenen Themen gibt:

Als persönliche Empfehlung in Bezug auf den ETF-Artikel erhalten:

Zu sehen in der ZDF-Mediathek:
https://www.zdf.de/filme/dokumentarfilm-in-3sat/oeconomia-104.html

Musik: OSKA

Empfehlung einer guten Freundin, vielleicht ein passender Soundtrack für den Januar 2023:

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