Die 40-Stunden-Woche erscheint wie eine „magische Zahl“ – irgendwann festgelegt und nun wie in Stein gemeißelt. Dabei ist sie historisch gewachsen und keineswegs naturgegeben.
Großartige Mini-Doku über die Geschichte der Arbeitszeit im Geschichtsmagazin „Stimmt es, dass …?“ von ARTE, Regie Christian Zipfel:
Im der Doku kommen zu Wort: Der Anthropologe James Suzman, Ökonomin und Soziologin Juliet B. Schor, Historikerin Tina Asmussen sowie Künstler Julien Prévieux, der auf den Spuren des verstorbenen David Graebers („Bullshit Jobs“) wandelt.
Von schätzungsweise 15–20 Wochenstunden in Jäger:innen- und Sammler:innen-Gesellschaften hin zu 30–40 Stunden in frühen Ackerbaukulturen – noch im Rhythmus der Natur. Mit der Industrialisierung, befeuert durch Dampf und Kohle, folgten bis zu 80-Stunden-Wochen in den oft als „Fabrik-Gefängnissen“ empfundenen Arbeitsstätten. Erst gewerkschaftliche Kämpfe führten zur Reduktion auf 40 bzw. 38,5 Stunden. Was folgt nun in Zeiten von Automatisierung, KI & Klimakrise?
Menschen haben Bock, etwas zu tun, davon zeugen Kunstwerke:
Nach [dem Anthropologen] James Suzman haben Menschen einen tief verwurzelten Drang zur Arbeit. Wir ertragen es nicht uns zu langweilen, sondern haben ein unersättliches Bedürfnis nach Bedürfnissen. Nur so lässt sich erklären, dass schon die Steinzeitmenschen gigantische Steinkreise errichten oder Kunstwerke anfertigen, die nur die Götter sehen können.
Jäger:innen- und Sammler:innen-Völker schafften es jedoch, in 15 – 20 Stunden pro Woche ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen.
Später verbreiteten sich Ackerbaugesellschaften auf der ganzen Welt, die nun nicht mehr allein zur Erfüllung eigener Bedürfnisse arbeiteten. Doch die Arbeitszeit folgte weiter dem Rhythmus der Jahreszeiten und blieb jahrtausendelang unverändert:
Im 13. Jahrhundert beispielsweise hat ein englischer Bauer eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 30 Stunden. Aber die verteilt sich keineswegs gleichmäßig. Es gibt Stoßzeiten – wie während der Ernte – in denen bis zu 16 Stunden am Tag geschuftet wird, aber auch viele Phasen, in denen die Bauern die Füße hochlegen können weil das Korn wächst oder der Acker gefroren ist. […]
Ein drastischer Einschnitt erfolgt jedoch durch die Dampfmaschine und Kohle-Energie laut der Dokumentation:
Die Entwicklung [der Energierevolutionen] kulminierte [im 18. Jahrhundert] in der Industrialisierung – mit Arbeitszeiten von über 70 Stunden pro Woche. Wie konnte es so weit kommen? Die Ökonomin Juliet Schor sieht den Wendepunkt in der Industriellen Revolution und fragt, wann Menschen begannen, ihre Zeit nicht mehr zu „verbringen“, sondern zu „investieren“.
Statt den Jahreszeiten und dem Lauf der Sonne zu folgen, hielten die Uhren erbarmungslos Einzug in den Arbeitsalltag, zum Leidwesen der Arbeiter:innen.
Zwar setzten Gewerkschaften im Westen später die 40-Stunden-Woche durch – doch was wurde aus den einstigen Träumen von einer 15-Stunden-Woche [, die Keynes prognostizierte]? Und wie werden wir in Zukunft die Geschichte der Arbeitszeit weiterschreiben?
Warum wird heutzutage dennoch noch so viel gearbeitet und Überstunden glorifiziert?
Die Vorstellung, Arbeit sei tugendhaft, stammt aus der landwirtschaftlichen
James Suzman, Anthropologe
Ära – als Arbeit tatsächlich eine wertvolle Tugend war. Heute jedoch leben wir in einer Zeit, in der es um ehrlich zu sein nicht mehr viel Arbeit zu erledigen gibt. Jedenfalls nicht so viel wie früher. Wir stehen an einem Wendepunkt.
Angesichts der zu erwartenden Verdrängung von menschlicher Arbeit durch künstliche Intelligenz ist es äußerst wichtig, dass Firmen die Arbeitszeit eigenständig reduzieren. Die ersten Schritte könnten dabei ganz unspektakulär sein. Ich halte eine vier Tage Woche für eine großartige Idee.
Juliet B. Schor, Ökonomin und Soziologin
By the way: Persönlich finde ich es weiterhin auch absolut krass, dass stärkere Gewerkschaften bereits die 38,5h-Woche in ihren Branchen in Österreich durchgesetzt haben – während Friseur:innen weiterhin die vollen 40h schuften müssen. Vielleicht war die (gute und sinnvolle) Vision der 4-Tage-Woche eine Nummer zu groß?
Quellen siehe Video-Beschreibung & verlinktem Google Doc / ARTE Mediathek | Beitragsbild: Screenshot aus der Doku (Infografik Arbeitszeiten), alle Rechte: ARTE


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