Die Empfehlung an Väter für 50:50-Karenz muss auf einen Bierdeckel passen – tut sie aber aktuell nicht!


Vaeterkarenz 5050 bierdeckel

Was wäre das Standard-Modell für Elternzeit, was man von Vätern gesellschaftlich erwartet – und welches fair und 50:50 ist? Was würde man auf einen Bierdeckel drucken, um es werdenden Vätern zu erklären sodass sie die Karenz nicht ebenso mehrheitlich verweigern wie bisherige Väter? Ich habe versucht, dies schnell zu ergründen – und bin erstmal grandios gescheitert.


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Update 11.10.2025:

Dieser Blogbeitrag ist sehr lang und unübersichtlich geworden. Ich arbeite gerade an einem Online-Tool, welches die Karenzplanung (hoffentlich) für euch vereinfacht. Hier geht’s zur Vorschau:

Karenz Wizard – der Karenzplaner für Österreich


+++ Alle Angaben ohne Gewähr – dieser Artikel wurde noch nicht von Expert:innen geprüft! Bitte unbedingt bei AK kostenfrei zu Elternkarenz beraten lassen. +++

Inhalt

Der komplizierte Einstieg ins Thema

Väter werden in Österreich zurecht kritisiert. Weiterhin nehmen nur wenige Karenz in Anspruch, wie beispielsweise eine statistische Auswertung aus Oberösterreich zeigt:

Die Bilanz ist ernüchternd: Nur rund zwei von zehn Vätern nehmen sich eine Auszeit von der Arbeit, um für ihre Kinder da zu sein.

https://www.derstandard.at/story/3000000274158/vaeter-gehen-nur-kurz-oder-gar-nicht-in-elternkarenz

In Österreich wird immer noch das sogenannte „Male-Breadwinner-Modell“ praktiziert: Der Mann ist der Ernährer der Familie in einem Vollzeit-Arbeitsverhältnis, die Frau liefert zu und schupft den Haushalt.

Kindererziehung ist bei uns Frauensache. Nur 16 Prozent der Väter gehen in Babykarenz. Von diesen ohnehin sehr wenigen Karenzvätern bleibt mehr als die Hälfte nur die Minimalzahl von zwei Karenzmonaten beim Kind.

Vielleicht sollten sich Österreichs Frauen an den Isländerinnen ein Vorbild nehmen – Nina Horaczek (falter / Instagram)

Doch auch Arbeitgeber und Arbeitsumfeld spielen hier eine gewichtige Rolle:

„Kurze Unterbrechungen von ein bis zwei Monaten sind meist nicht mehr so ein Problem. Wenn Männer aber eine längere Auszeit wollen, schlägt ihnen doch oft ein ­rauer Wind entgegen“, sagt Bergmann. Das sei vor allem in männerdominierten Branchen der Fall, in denen Vereinbarkeit von Beruf und Familie oftmals eine untergeordnete Rolle spielt. Die Folgen würden von Benachteiligungen im Job bis zum Ende des Dienstverhältnisses reichen.

https://www.derstandard.at/story/3000000240848/immer-weniger-maenner-gehen-in-karenz-woran-liegt-das

Nehmen wir an, Arbeitgeber und Umfeld sind vollkommen familienfreundlich.

Was wäre das Standard-Modell für Karenz, was man von Vätern gesellschaftlich erwartet – eine faire, gleichberechtigte 50:50 Aufteilung mit der Mutter, eigentlich eh klar? Aber wie schaut dies in der Praxis aus?

  1. Wie viel Monate Karenz sollen Väter (und Mütter) genau nehmen?
  2. Was wird staatlich gefördert – und was muss man ggf. selber finanzieren?
  3. Und was ist für das Kind empfehlenswert, ab wann in die Fremdbetreung/Kita?

Ich habe versucht, dies schnell zu ergründen – und bin grandios gescheitert.

Image

Zu verwirrend waren Mutterschutz-Fristen, Wochengeld, Karenz-Anspruch allgemein, Wahl zwischen Einkommensabhängigem Kinderbetreuungsgeld (EKBG) vs. pauschales Betreuungsgeld mit besonderen Fristen, etc. etc. 🤯

Meine Erfahrungen:

  • Vor allem die Frage, ob pauschales Betreuungsgeld oder EKGB die richtige Wahl ist (s.u.), verwirrt zu Beginn immens.
    • Ein Mehrschritt-Formular oder Bot zur Beratung würde hier immens helfen, um diese erste Frage abzukürzen. Sonst vergeudet man hier sinnlos Zeit.
  • Auch der Gap zwischen 14 Monate EKGB und 2 Jahren Karenz-Anspruch sind anfangs extrem irritierend, hinzu kommen Mutterschutz-Fristen.
  • Hinzu kommt der Start des Kindergartenjahres zum September – wie damit umgehen?

Was dringend fehlt aus meiner Sicht: Ein Online-Assistent, in dem Eltern die Möglichkeiten gebündelt durchspielen können und visualisiert bekommen. Unter dem Hashtag #KarenzWizard habe ich schon erste Überlegungen geteilt.

Update: Meine aktuellen Erkenntnisse habe ich zudem auch hier verbloggt Crashkurs: Elternkarenz für Dummies inkl. Halbe Halbe (Österreich)

Meiner (bescheidenen) Ansicht nach fehlt zudem die klare Empfehlung für ein Standard-Modell, bei dem selbst die denk-faulsten Väter auf Arbeit sagen können: „Ich mach das normale Karenz-Modell, fair aufgeteilt zwischen mir und meiner Frau, eh kloaar!“.

Ohne Männer (und mich) hier aus ihrer Eigenverantwortung zu entlassen – aber wenn mir als studierter Geisteswissenschaftler schon der Kopf raucht beim ersten Einlesen ins Thema ist das kein gutes Zeichen?

Was auf einen Bierdeckel passen würde und inhaltlich korrekt wäre (?):

Wollt ihr das Kind beispielsweise erst ab 1,5 oder 2 Jahren in die Kita geben und ihr entscheidet euch für einkommensabhängiges Kinderbetreuungsgeld, müsst ihr euch für mehrere Monate am Ende noch selbst finanzieren können.

Geburt

2 (bis 3) Monate Mutterschutz (gefördert mit Wochengeld)

danach Recht auf Karenz – Finanzierung über:
+ 12 Monate Einkommensabhängiges Kinderbetreuungsgeld (ea KBG),
denn dieses ist nur bis zum 14. Lebensmonat ab Geburt (!) beziehbar; Vater mindestens 2 von den 12 Monaten davon für 12+2 Regelung

+ danach bis zu 10 Monate selbst finanziert („unbezahlte Karenz“) bis zum 1,5 oder 2. Lebensjahr (bis zur Kita-Eingewöhnung, wobei in Wien das Kindergartenjahr zum 1. September startet – aber Eingewöhnung ggf. auch darauffolgenden Jänner/Februar möglich).

Alternativen für unbezahlte Karenz: Beide Eltern in Elternteilzeit (20h/20h), Tagesmutter, Großeltern-Support. Sprich mit der AK!

Mehr dazu hier: Crashkurs: Elternkarenz für Dummies inkl. Halbe Halbe (Österreich) – alle Angaben vorerst ohne Gewähr 😉

Warum überhaupt so viel damit beschäftigen?

Die Satire-Sendung „Die Anstalt“ hat die Problematik für Deutschland vor einigen Jahren beeindruckend auf den Punkt gebracht, vieles dürfte auch für AT gelten (außer das Ehegatten-Splitting, welches glücklicherweise in Österreich nicht existiert):

Hier klicken, um den Inhalt von www.youtube.com anzuzeigen.

Der Gender Pay Gap, aktuell bei rund 16% in Deutschland und sogar 18,4% in Österreich (Stand 2023), beschreibt die eklatante Lohnlücke zwischen Frauen und Männern, die oft durch traditionelle Rollenbilder und Familienpflichten verstärkt wird. Frauen unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit häufiger und länger für die Kinderbetreuung, kehren öfter in Teilzeit zurück und erfahren dadurch Karriereknicks sowie geringere Einkommen. Eine faire und partnerschaftliche Aufteilung der Karenz kann diese Benachteiligung aktiv abbauen, indem sie die Last der Erwerbsunterbrechungen verteilt und beiden Geschlechtern berufliche Entwicklung ermöglicht. Dies ist entscheidend für mehr Gleichberechtigung im Berufsleben und langfristig auch für die finanzielle Absicherung von Frauen bis ins Rentenalter.

⚠️ KI-Zusammenfassung aus Zeitgründen

Ansätze, wie man Zeit und Care-Arbeit gerechter und moderner verteilen könnte, finden sich natürlich bei Teresa Bücker & anderen. Die Frage ist wie immer, was realistisch umsetzbar ist und wofür sich eine wirkungsvoller Kampf organisieren lässt bzw. sich ein „Window of Opportunity“ findet im aktuell Zeitgeschehen. Für die nötige Motivation: Nur wählen gehen und bewusst konsumieren wird die Welt nicht verändern – Barbara Blaha. 🔥💪

Elefant im Raum: Staat fördert, will Mütter schnell zurück im Job – was wollen Mütter & Väter?

Als Laie in diesem Thema fällt mir auch auf, dass es da wohl auch einen riesigen Elefanten im Raum gibt: Frauen schnell wieder in Vollzeit bringen vs. der Wunsch nach Arbeitszeitreduktion, Arbeit nicht als Zentrum des Lebens, etc.

Erwerbsarbeit wurde jahrzehntelang für Männer konzipiert, die wenig bis keine Haus- oder Sorgearbeit verrichteten – sondern 40h/Woche arbeiteten außer Haus.

Für mehr Gleichberechtigung, Bekämpfung Gender Pay und Gender Pension Gap (Altersarmut) sollen Frauen anscheinend so schnell wie möglich wieder in das Berufsleben, am besten Vollzeit. Expert:innen verweisen auf Skandinavien & Co mit schneller Rückkehr und früheren Fremdbetreuungen – kritisiert werden Eltern in Österreich als auch Deutschland:

Überall in Europa unterbrechen junge Mütter ihre Erwerbstätigkeit viel länger als junge Väter – doch nirgendwo bleiben Frauen so lange zuhause wie in den deutschsprachigen Ländern. Während hierzulande 60 Prozent der Frauen zum zweiten Geburtstag ihres Kindes zurück am Arbeitsmarkt sind, finden sich in Nordeuropa über 80 Prozent der Frauen im Erwerbsleben wieder, bei annähernd gleich hohen Ausgleichszahlungen in beiden Regionen. Hinzu kommt: In Österreich nehmen Mütter nach der Karenz Teilzeitstellen an, während Skandinavierinnen nach der Babypause wieder Vollzeit arbeiten.

https://www.oeaw.ac.at/news/kinder-als-karriereknick-fuer-frauen-in-oesterreich-1

Aber möchten Mutter und Vater das hierzulande wirklich? Ist ein drohender Karriere-Knick wichtiger als die erste Zeit mit dem Kind, klingt das alles nicht zutiefst neoliberal, unkreativ und altbacken? So als ob alte, weiße Männer die Probleme auf ihre Art lösen?

Wo ist die Verantwortung der Unternehmen und Wirtschaft, die Karriere-Knicks und Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen ja ebenso wenig bekämpft wie es scheint? Stichwort: Lohntransparenz, etc.

Warum gibt es für Care-Arbeit keine Rentenpunkte? Warum keine 2 Jahre Karenz für Mutter und Vater – gemeinsam? Wo ist die moderne Idee von Familie & Arbeit?

Zumindest Ideen finden sich online, hier bzgl. Elternteilzeit – die auch nur von wenigen Vätern in Anspruch genommen wird bisher (Quelle):

Hier setzt das AK ÖGB Familienarbeitszeitmodell an:  Statt einseitig nur Frauen zu belasten, soll es eine finanzielle Förderung für halbe-halbe bei der Elternteilzeit geben: Beide Eltern reduzieren/erhöhen nach der Karenz ihre Arbeitszeit auf 28 bis 32 Stunden pro Woche. Dafür erhalten sie 350 Euro Pauschale pro Elternteil pro Monat steuerfrei ausbezahlt. Auch Alleinerziehende erhalten die monatliche Pauschale von 350 Euro. 

https://www.arbeiterkammer.at/interessenvertretung/arbeitundsoziales/frauen/Halbe-halbe-statt-Herdpraemie.html

Aktuelle politische Debatte um „Halbe-Halbe“

Mit Verweis auf andere Länder wie Island wurde im Juli 2025 u.a. folgendes vermeldet:

Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner (SPÖ) spricht sich längerfristig für Halbe-Halbe bei der Elternkarenz aus. Im Regierungsprogramm sei das zwar nicht verankert, aber: Sei das Ziel mehr Gleichstellung zwischen Frauen und Männern, „dann werden wir in Österreich auch irgendwann einmal über die Aufteilung der Karenzzeiten nachdenken müssen“, sagte sie im Gespräch mit der APA. Die Kampagne „Ganze Männer machen Halbe-Halbe“ sei schließlich schon 30 Jahre alt.

https://www.derstandard.at/story/3000000279639/elternkarenz-frauenministerin-holzleitner-fordert-gleiche-aufteilung-zwischen-mann-und-frau

Auch eine österreichische Kampagne aus den 1990er Jahren wird immer wieder referenziert:

„Ganze Männer machen halbe-halbe“, hieß es Mitte der 1990er Jahre, als man mit einer vieldiskutierten Kampagne für eine gleichmäßigere Aufteilung von Tätigkeiten abseits der Erwerbsarbeit warb. Geht es nach aktuellen Zahlen, kommt die Idee hierzulande weiter nur sehr schleppend vom Fleck, hieß es bei einem Pressegespräch am Mittwoch.

https://orf.at/stories/3350075/

Auch bei Eltern-Teilzeit: Männer ziehen nicht mit

Nach der Karenz ist eine wichtige Option für mehr Gleichberechtigung bei der Care-Arbeit für das Kind das Recht auf Elternteilzeit. Aber auch hier zeigen sich noch erhebliche Ungleichverteilungen:

Viele vollzeitbeschäftigte Väter haben Anspruch auf Elternteilzeit. Trotzdem nutzen sie diese kaum. Die Zahlen sprechen für sich:

  • Bei fast der Hälfte der Paare mit Kindern unter 15 Jahren arbeitet die Mutter Teilzeit und der Vater Vollzeit.
  • Umgekehrt – also er Teilzeit, sie Vollzeit – ist das nur bei 1,4 Prozent der Paare der Fall
  • Nur vier Prozent der Paare teilen sich die Arbeit gleichmäßig auf. 
https://www.oegb.at/themen/arbeitsrecht/arbeitszeit/elternteilzeit-maenner-ziehen-nicht-mit

Der ÖGB und die Arbeiterkammer (AK) schlagen ein Familienarbeitszeitmodell vor: Wenn beide Eltern nach der Karenz ihre Arbeitszeit auf 28 bis 32 Stunden reduzieren, sollen sie monatlich je 350 Euro Bonus vom Staat erhalten. Der Bonus soll bis zum vierten Geburtstag des Kindes gelten.  

https://www.oegb.at/themen/arbeitsrecht/arbeitszeit/elternteilzeit-maenner-ziehen-nicht-mit

Seit 20 Jahren gibt es das Recht auf Elternteilzeit. Aber obwohl es Elternteilzeit heißt, ist der Anteil der Väter verschwindend gering.  „Viele wissen nicht einmal, dass beide Eltern gleichzeitig in Elternteilzeit gehen können“, so Eva-Maria Burger, Leiterin der AK Frauenpolitik.

https://www.arbeiterkammer.at/interessenvertretung/arbeitundsoziales/familie/AK-zu-20-Jahren-Elternteilzeit.html
Screenshot
Quelle: https://www.arbeiterkammer.at/interessenvertretung/arbeitundsoziales/familie/AK-zu-20-Jahren-Elternteilzeit.html (2024)

Sozialstaat Österreich ist (natürlich) ein Privileg im internationalen Vergleich

Der Sozialstaat in Österreich ist (natürlich) ein Privileg. Im internationalen Vergleich ist unser System der Elternkarenz und finanziellen Unterstützung durch seine lange Dauer und flexible Modelle wie das einkommensabhängige Kinderbetreuungsgeld sehr gut aufgestellt und gehört im europäischen Vergleich zum oberen Mittelfeld.

Dennoch sind weitere Fortschritte bei der Väterbeteiligung und dem Ausbau der frühen Kinderbetreuungsinfrastruktur nötig, um zur absoluten Spitze wie etwa in Skandinavien aufzuschließen – wofür wir in der EU und einem stabilen Sozialstaat dankbar sein können.

⚠️ KI-Zusammenfassung aus Zeitgründen

Feedback oder Erfahrungen?

Die Frage, die bei mir bleibt:

Warum ist das so kompliziert, sich in das Thema einzulesen? Warum gibt es keine „Elternzeit für Dummies“-Empfehlung? 🤯

Oder übersehe ich etwas / gibt es Standard-Empfehlungen von Frauenverbänden / Männer-Organisationen, feministische Handreichungen, simple Modelle oder Visualisierungen? Oder müsste ich einfach nur feministische Bücher lesen und dort steht schon alles? 🫣 (keine Bücher zu 50:50-Elternzeit in Österreich gefunden)

Kritische Hinweise und Gedanken sind sehr gerne gesehen!

Meine aktuellen Erkenntnisse zur Karenzteilung habe ich nun hier verbloggt Crashkurs: Elternkarenz für Dummies inkl. Halbe Halbe (Österreich)

+++ Alle Angaben ohne Gewähr – dieser Artikel wurde noch nicht von Expert:innen geprüft! Bitte unbedingt bei AK kostenfrei zu Elternkarenz beraten lassen. +++

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